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  1. #1
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    [Noch 'ne Story] by me

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    Es heißt, man trifft sich immer zweimal im Leben.

    Die Frage ist nur, wie oft?


    Geändert von Laska (15.07.2025 um 15:28 Uhr)




  2. #2
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    ~Platzhalter~
    Geändert von Laska (15.07.2025 um 15:30 Uhr)
    Life isn't about waiting for the storm to pass.
    It's about learning to dance in the rain.

    -Vivian Greene-

  3. #3
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    Juhu meine liebe Laska,
    ich bins mal wieder die Kuschi. Ich verpasse Dir dann wohl mal den nötigen "A...tritt", nicht nur, weil mich mega interessiert, was Dir da schon wieder so im Kopf umherschwirrt, sondern auch um des Forums Willen - dieses Forum schließen? NIEMALS !!! (sorry für´s schreien...)....
    Also dieser Spruch über Deiner Story (oder soll sie so heißen?): "Es heißt, man trifft......" hört sich schon wieder mega interessant an und läßt Raum für viele Spekulationen. Selbst die Häuschen sehen zuckersüß aus und erwecken in mir die Neugier, was sich da wohl hinter den 4 Wänden Alles versteckt bzw. vorgefallen ist. Ein bisschen erinnern sie mich an ein Knusperhäuschen von ner Hexe.... hihi....
    Naja, ich schaue mal, ob es hier evtl. auch weitergeht. Mich würde es zumindest sehr freuen und auch interessieren.
    Meine liebe Laska umherwirbel und an mich drück - bis dahin, Deine Kuschi.

  4. #4
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    Kuschi, du süße Socke, wie kannst du nur immer wieder die Dinge ausgraben, die ich gaaaanz weit nach hinten geschoben habe

    Ist ja mal wieder total typisch, dass ich auf den ersten Kommi seit Monaten mit mosern reagiere. Ich lerns echt nicht mehr
    Hab nicht mal ne e-mail Benachrichtigung bekommen. Nicht so prickelnd, dass die nun auch wegfallen, würd dir nämlich so richtig gerne grad nen Danke verpassen Na ja,kann man nicht ändern, gell.

    Soviel treten musst du da gar nicht, eher mit mir zusammen hoffen, das mein Läppi noch etwas durchhält. Es legt sich seit Monaten langsamst, doch stetig die Karten und ich hab keine Ahnung, ob es die Unmengen an CC die ich für diese Story brauche noch verkraftet, ohne in Flammen aufzugehen.

    Du hättest mich jetzt fast zum spoilern gebracht, but no ... Aber danke, das Grundstück ist nicht mal halb fertig, glaub ich hab mit dem screen neulich nur getestet, welches Format sich am besten eignet, bei/von meinem neuen upload dienst.

    Zurück drück, freu mich sehr, dass du nun wieder öfter reinschauen magst.

    Bis denne
    me
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    -Vivian Greene-

  5. #5
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    mal den Staub wegpust

    Unglaublich, aber wahr. Mit nur knapp zwei Jahren Verspätung geht’s hier weiter. Oder endlich los. Ganz wie man’s sehen will.

    Ohne ein paar Worte vorab geht’s bei mir natürlich nicht. Hier sind sie:

    Wie bereits erwähnt, ist diese Story in meinem Kopf seit Langem fertig. Wie lange – verrate ich nicht. Aber sie ist älter als die meisten von euch. seufz

    Spoilern will ich natürlich nicht, aber ich gebe zu: Vor vielen, vielen Jahren fiel mir das Buch Das Medaillon von C. C. Bergius (Goldmann Verlag) in einem Antiquariat in die Hände. Heute habe ich es nicht mehr – verliehen, Name vergessen, nie zurückbekommen. Wie so oft. Ich erwähne es nur, falls es jemand kennt. Wenn ja: Bitte nicht spoilern.

    Ich erinnere mich nur noch an das Grundgerüst – es wird definitiv nicht 1:1 dasselbe. Zitieren? Unmöglich bei meinem Gedächtnis. Zum Glück.

    Meine Geschichte hat einen sehr persönlichen Ursprung.
    Sie geht zurück auf ein reales Erlebnis, das mich bis heute nicht loslässt – und auf den Wunsch, dass es wahr sein könnte.
    Etliche Jahre später Das Medaillon zu lesen, war -nicht nur- ein stiller Trost zur rechten Zeit.
    Und all das jetzt herauszuschreiben – ist vielleicht nicht der letzte, aber ein nächster Schritt. Wer weiß.

    Bevor ich jetzt das Heulen anfange: Triggerwarnungen wird’s hier nicht geben.

    Ich bin absolut kein Fan davon. Die paar, die sich im Single-Projekt befinden, haben wir einer ganz speziellen jungen Dame zu verdanken, die damals darauf bestanden hat. Ich habe das Thema inzwischen gekonnt unter den Tisch fallen lassen und nie wieder nachgefragt. Sorry, baby.

    Für die ganz Zartbesaiteten unter euch: Alles, was im echten Leben passieren kann, wird auch meinen Protagonist*innen widerfahren. Gutes wie Schlimmes. Traumatisches. Und Dinge, vor denen man am liebsten die Augen verschließt.
    Explizit? Sicher nicht – aber mit genug Fantasie und Menschenverstand wird ein Schuh draus.

    Ich glaube, das war’s erstmal.

    me
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    -Vivian Greene-

  6. #6
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    ~ Herculaneum, 5. Februar, 62 n. Chr. ~

    Es fehlten nur noch die Sandalen

    Er gähnte herzhaft – als der Boden unter seinen Füßen zu zittern begann. Verschlafen wie er war, bemerkte er es kaum – bis es ihn von den Füßen riss. Kaum schmerzhaft auf seinen Knien gelandet, schlitterte ein Schemel an ihm vorbei. Nicht ohne ihn an der Schläfe zu treffen.



    Aus dem Schankraum drang Poltern zu ihm herüber, dumpf und abgehackt. Holz splitterte. Tonschalen zerbrachen. Aus dem Zittern wurde ein Beben. Und von draußen mischten sich aufgeregte Stimmen in das Rumpeln – Nachbarn, die schrien, fluchten, beteten.
    Vergessen waren die Sandalen.

    Auf allen vieren kroch er zur Tür. Bahnte sich seinen Weg durch die Dunkelheit. Nicht wie sonst, noch halb im Schlaf und mit schlurfenden Schritten. Nein, sein Verstand war hellwach. Verwirrt, ja, doch noch nicht panisch. Da – ein winziger Lichtblick.

    Mühsam zog er sich am Rahmen hoch, kämpfte mit dem Türflügel, der schief in den Angeln hing. Ein neuer, heftiger Ruck – und mit der Tür wurde auch er hinausgeschleudert, direkt auf die Straße.

    Staub – so dicht, dass er kaum noch etwas erkennen konnte. Stimmen, Schreie – ein Wirrwarr aus Lauten.
    „Lauf, Junge, lauf!“ Die Stimme kam ihm vertraut vor. Eine Hand griff nach ihm – verfehlte ihn knapp.
    „Runter zum Hafen!“, hörte er noch, dann traf ihn ein Ziegel.

    Benommen öffnete er die Augen. Was war das? Ein Alptraum?
    Sein Kopf dröhnte – vom Grollen der Götter. Was hatte sie so erzürnt, dass sie solch ein Chaos anrichteten?

    Alles war grau – der Boden, die Luft, seine Gedanken. Er schmeckte Staub, warm und eisenhaltig. Sein Kopf pochte. Dann – ein Geräusch. Kaum mehr als ein Wimmern.

    Er hob den Kopf. Horchte. Da war es wieder. Zart, dünn, abgerissen wie ein Faden im Wind.

    Blind tastete er sich vor. Trümmer. Scherben. Flüssigkeiten.
    „Wo bist du?“, flüsterte er. Seine Stimme klang fremd, kratzig. Keine Antwort – nur dieses zitternde Wimmern, ganz nah.

    „Sag was… bitte, sag doch was.“ Mehr Selbstgespräch denn Forderung.
    „Bina… hier.“

    Endlich fand er sie. Seine Finger glitten über ihren Körper – warm, weich. Klein, so klein.
    „Schon gut…“, murmelte er. „Ich hab dich.“ Das Wimmern verstummte.

    Behutsam hob er sie hoch. Ein zerzauster Haarschopf, schmutzige Haut, große, ängstliche Augen. Sie klammerte sich wortlos an ihn.

    Mit dem Kind im Arm rappelte er sich mühsam hoch, schwankte, suchte Halt an der Mauer. In der Ferne rief noch jemand, doch die Gasse um ihn wirkte plötzlich leer – wie ausgespült.

    „Zum Hafen… wir müssen zum Hafen“, erinnerte er sich halblaut.

    „Warum stehst du dann da, als hätte Jupiters Blitz dich getroffen?“
    Die Stimme war so rau wie seine eigene. Vorsichtig schob er die Füße voran.
    Ein Mädchen. Ungefähr in seinem Alter. Nur dünner – und viel zu leicht bekleidet. Konnte er es wagen, zurück ins Haus zu laufen? Nein.

    Die Antwort kam prompt – und direkt von den Göttern.

    Er schob Bina auf die Hüfte, griff nach der Hand des anderen Mädchens – und lief los, als wäre Neptun persönlich hinter ihnen her.

    Er kannte den Weg. Weit war es nicht. Und diesmal trug er keinen schweren Fischkorb auf dem Rücken.

    Noch wusste er nicht, wie schwer so ein kleines Bündel Mensch werden konnte. Und was vor ihnen lag …



    Die Straße hatte irgendwann aufgehört. Oder vielleicht war sie auch einfach unter seinen Füßen verschwunden. Er wusste es nicht, und es war ihm auch egal. Sie waren angekommen. Beinahe jedenfalls.

    Er hielt inne. Luft. Endlich. Keine fallenden Steine mehr. Kein Ausweichen. Kein Klettern. Kein Knirschen bei jedem Schritt. Nur das Rauschen des Meeres und das dumpfe Pochen in seinen Schläfen.

    Und ihre Wärme. In seinem Rücken. Seinen Beinen. Gerade genug, um etwas Spannung aus seinen Muskeln zu ziehen, doch noch nicht so kräftig, dass sie seine kalten Knochen erreichte. Es fühlte sich so wohltuend und tröstlich an wie die Umarmung einer Mutter. Vielleicht war es auch reine Einbildung oder zu viel Fantasie, wie sein Herr manchmal beklagte.

    Denn was wusste er schon von Umarmungen? Oder Müttern? Wahrscheinlich war er einfach nur erhitzt vom Laufen. Fakt war: Die Sonne lugte bereits über die Kuppe des Vesuvs. Schickte ihre Strahlen die sanften Hänge hinab und ließ das Meer leise glitzern.

    Nur einmal tief Luft holen, schon trottete er weiter.
    Froh, dass sie es geschafft hatten.

    Wenige Meter, dann standen sie oben an der langen Treppe. Unten brannten Fackeln. Stimmen riefen, Kinder weinten. Irgendjemand betete.
    Und plötzlich rückte sein Ziel in weite Ferne.
    So viele Stufen …

    Letitia riss ihre Hand los. „Du hast mir fast den Arm abgerissen!“, fauchte sie.

    Nur sein Oberkörper wandte sich träge um. Ihr Gesicht war schmutzig, die Stirn geschürft. Aber sie stand. Atmete. Und sah ihn trotzig an.

    „Entschuldigung“, murmelte er, immer noch außer Atem.
    „Und warum trägst du sie und nicht mich?“ Ihr spitzes Kinn deutete auf Bina.
    „Weil du Zähne hast. Und treten kannst.“
    Sie schnaufte. „Weil du Angst hattest, ich würde dir die Ohren langziehen, ungeschickt wie du bist.“
    Er nickte nur. Zu erschöpft, um zu streiten.

    Das Mädchen zögerte. Musterte ihn – und das kleine Bündel in seinen Armen.
    Sie sah – sie wusste –, wie sehr ihn die Rettung der Kleinen mitgenommen hatte. Vielleicht war sie auch insgeheim froh, nicht allein durch all das zu müssen – obwohl sie das nie zugeben würde.

    Wortlos nahm sie ihm Bina ab. Vorsichtig. Fast zärtlich.

    Er sackte augenblicklich in sich zusammen. Stützte die Hände auf die Knie und ließ, nach Atem ringend, den Kopf hängen. Er war das Arbeiten gewohnt und flink an sich auch – aber das, was hinter ihnen lag, war einfach zu viel.

    „Hast du Hunger?“
    Er nickte matt.
    „Dann setz dich in Bewegung“, forderte Letitia – nicht so scharf, wie sie es sich vorgenommen hatte.
    „Unten grillen sie Fisch. Riechst du das nicht?“
    Und ob er das roch.

    Einmal den Rücken strecken, schon trottete er ihr hinterher.
    Sie waren heil davongekommen.

    Das Kribbeln in seinem Arm war noch etwas lästig, doch das würde vergehen – ebenso wie das Zittern in seinen Beinen

    „Lucius! Sieh!“, rief eine Frau. „Es kommen doch noch welche! Und es sind Kinder, Lucius – Kinder!“ Ihre Stimme brach beinahe.

    Der derart Alarmierte richtete sich ruckartig auf, legte eine Hand über die Augen.
    „Ist das nicht Epah?“

    Sein Blick glitt zu dem Mädchen neben ihm. Und die kleine Xanthippe – natürlich. Frech, laut, ständig auf der Flucht und doch immer zur Stelle, wenn man sie am wenigsten brauchen kann.
    Er unterdrückte ein Seufzen. Ärger mit ihr würde sich schon finden. Hauptsache, Epah war am Leben.

    Schnell schickte er seine Tochter los:
    „Justina! Wo ist das unnütze Kind – da bist du ja! Schnell, such Servius! Er wird bei den Fischern sein. Essen kannst du später, beweg dich endlich!“

    Ein Mädchen, von der Statur her etwa im selben Alter wie Letitia, sprang auf und rannte zu den Booten.

    Erleichterung durchströmte Epah.
    Sein Herr lebte – was für ein Glück.
    Und sie mussten nicht einmal auf dessen Erscheinen warten.

    Denn es war Justinas Mutter, die ihm die Verantwortung von den schmalen Schultern nahm – indem sie Bina vorsichtig aus Letitias Armen hob …

    Geändert von Laska (15.07.2025 um 20:35 Uhr)
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    -Vivian Greene-

  7. #7
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    ~ Herculaneum, im Frühsommer des Jahres 71 n. Chr. ~

    Ein ganz gewöhnlicher Tag.

    Der Staub hatte sich längst gelegt, die Menschen sich wieder aufgerichtet, die Trümmer wurden beseitigt – es war, als hätte die Erde nie gebebt.

    Nur manchmal, wenn man an einer der letzten Baustellen vorbeikam, blitzte die Erinnerung auf. Doch sie verblasste ebenso schnell wieder, im hektischen Treiben der Stadt und dem geschäftigen Alltag der Einwohner.

    Ein Tag wie jeder andere, nur für einen von ihnen nicht. Epah.

    Der schmale Junge von damals war in die Höhe geschossen. Seine Muskeln und die breiten Schultern zeugten von der harten Arbeit, die er tagtäglich leistete. Sein Gesicht? Noch zu jung für Bartwuchs, doch zu ernst für sein Alter.

    Immer wenn er in die kleine Gasse einbog, die zum Thermopolium führte, erinnerte er sich daran, wie es früher war. Vor dem Beben.



    Heute hatte er die Kurve nicht im Laufschritt genommen – wie sonst immer. Und er hastete auch nicht weiter, um den nächsten Auftrag auszuführen. Nein, heute blieb er stehen. Ein kurzes Innehalten, um zu begreifen.

    Fast vier Monate ist es her, dass sein Herr gestorben war. Servius, der Gütige, der ihn behandelte wie ein Ziehkind, das zur Familie gehört. Nun, beinahe jedenfalls.

    Denn gehorchen musste er und tun, was ihm gesagt wurde. Ohne Widerspruch, denn eine Alternative gab es nicht. Aber er bekam genug zu essen, hatte ein Dach über dem Kopf und Strafen gab es nur in Form von Predigten, die seinen Charakter formten und nicht seinen Körper in Mitleidenschaft zogen.

    Wie er gelebt hatte, so war Servius auch gegangen: friedlich – im Schlaf. Epah hatte ihn gefunden. Aurelia, die Nachbarin, veranlasste alles Weitere.

    Tränen schimmerten in seinen Augen. Tränen des noch so frischen Verlusts vermischten sich mit denen der Dankbarkeit. Sein Herz war voll davon.

    Er wäre nicht mal im Traum darauf gekommen, denn Servius hat nie ein Wort verlauten lassen, selbst Aurelia war überrascht, als Epah aufgefordert wurde, zum Tabularium zu kommen – zur Verlesung des Testaments seines Herrn.

    Servius schenkte ihm nicht nur die Freiheit, sondern vermachte ihm auch das Haus des Thermopoliums.

    Der Junge – besser gesagt: der Heranwachsende – stand da wie festgewurzelt.

    Verstand noch nicht, was das alles für ihn bedeutete, dachte nur daran, wie die anderen auf diese Neuigkeit reagieren würden. Doch statt sich deren Reaktionen vorzustellen, schweiften seine Gedanken weiter zurück in die Vergangenheit.

    Zu dem Tag, als die Kinder von damals zum zweiten Mal aufeinandertrafen. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als die Szene vor seinem geistigen Auge erschien.

    Auch an jenem Tag war Epah stehen geblieben, müde nach einem langen Tag in den Schmieden des Titus Flavius. Dankbar für die leichte Brise und den Schatten, den die untergehende Sonne ihm bescherte.

    Der Korb auf seinem Rücken war schwer, doch das schien ihn weder zu stören noch an seinem Auftrag zu hindern. Der Inhalt duftete nach warmem Brot und süßem Obst – ein Geschenk seines Herrn für die hungrigen Helfer am Tempel.

    Er schob den Riemen über seiner Schulter zurecht, hob leicht die Nase in die Luft und sog die Mischung aus Rauch, Leben und Gärung ein. Dann bemerkte er es.

    „He, das ist nicht deins“, sagte eine Stimme, viel zu laut für die Enge zwischen den Häusern. Epah öffnete träge die Augen.

    Das Mädchen, das ihn angesprochen hatte, kam von der Querstraße. Ihre Füße waren schmutzig, ihr Haar zerzaust, doch sie ging schnellen Schrittes, als könne sie alles unter Kontrolle halten, wenn sie sich nur schnell genug bewegte.

    Es war Justina – er kannte sie flüchtig, vom Sehen. Sie war es, die damals von ihrem Vater losgeschickt wurde, um seinen Herrn zu holen. Wie erleichtert sie beide gewesen waren, dass sie das Unglück überlebt hatten.

    Servius schimpfte oft über sie, wenn sie die Wäsche brachte oder abholte. Zu forsch, zu ungeduldig, fand er. Epah aber war ihr rauer Ton egal. Immer wenn er sie sah, stieg ein leises Echo jener Erleichterung in ihm auf – ein stilles Band aus einer Zeit, als sie das Schlimmste überstanden hatten.

    Doch sie meinte gar nicht ihn. Sie zielte auf das andere Mädchen – die mit den kupferroten Locken und dem schlechten Gespür für eine gute Gelegenheit. Sie war es, die ihm ein Brot aus dem Korb gezogen hatte. So plump, dass es mitleiderregend war.

    Er hatte es bemerkt und kurz aufgeschaut, doch gesagt hatte er nichts. Hunger sieht man. Er kannte ihn. Und es gab zu viel davon.

    „Bleib stehen!“ Justina – schmal, flink und mit einer Stimme, die es gewohnt war, sich ungefragt einzumischen – griff nach der Tunika der Anderen. Ein hastiger Ruck, dann standen sie beide da, schimpfend, fauchend, wie zwei Katzen auf einem heißen Ziegeldach.

    Er wollte gerade etwas sagen – vielleicht auch nur seufzen –, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Er wandte den Kopf. Seine Augen huschten suchend umher, dann sah er sie.

    Sie saß zwischen den Kisten und Körben eines Straßenhändlers, wie etwas, das jemand abgelegt und vergessen hatte. Ein Kind, jünger als die zwei Mädchen, die sich eifrig weiter stritten. Die Kleine war zart, wie aus dünnem Ton gemacht. Ihre Augen, zu groß für das schmale Gesicht, blickten zu ihm auf. Wachsam. Und voller Angst.

    Vorsichtig nahm er den Korb von der Schulter, stellte ihn ab und zog das nächste Stück Brot heraus. Langsam. Als würde es sonst zerbrechen. Obwohl nur wenige Schritte sie trennten, ging er in die Hocke. Gemächlich, keine plötzliche Bewegung.

    „Hey“, sagte er leise, wie man zu einem Tier spricht, das man nicht verscheuchen will.

    Hinter ihm waren die beiden Zankäpfel noch immer in ein halbherziges Ringen verwickelt.
    „Sag doch was! Sie klaut von dir! Und du lässt sie einfach?“

    Er hörte es, aber antwortete nicht. Dieses Brot war wichtiger.

    Das Kind rührte sich nicht. Nur ihre Augen wanderten vorsichtig zwischen seinem Gesicht und dem Brot hin und her.

    Ihre Blicke trafen sich. Nur kurz, wie ein Blitz – und so traf er sie auch. Zuckte durch ihre Gedanken wie ein vages Wiedererkennen.

    Und dann: das Knarren von Rädern.

    Auf der Hauptstraße stockte der Verkehr. Ein Wagen, gezogen von zwei kräftigen Pferden, kam zum Stillstand. Die Menschen wichen aus. Einer fluchte, ein anderer schob.

    Auf dem Wagen stapelten sich Truhen, Bündel, Decken – und obendrauf thronte ein Mann in feinen Sandalen, die nicht für Schmutz gedacht waren.

    Er war blond, seine Haut zu sauber für diesen Ort. Er lehnte sich vor, ließ den Blick über die Szene gleiten und verzog den Mund. So sah man nicht aus, wenn man Mitleid hatte.

    Die Kleine sah ihn. Und vergaß das Brot. Duckte sich tiefer in den Schatten.
    Er sah sie auch. Und als der Wagen weiterrollte, war sie verschwunden.

    Epah erhob sich, drehte sich um und ließ seinen Zorn an Justina aus: „Was mischst du dich ein – in Dinge, die dich nichts angehen? Hast du keine Augen im Kopf? Nun ist sie weg!“

    Justina blinzelte, als sei sie einen solchen Ton, diesen Gegenwind, nicht gewohnt. Sie hat ihm geholfen – und das war sein Dank?

    „Du Tölpel! Lässt dich erst bestehlen, dann verschenkst du den Rest! Was wird dein Herr dazu sagen, wenn du mit leeren Händen zurückkommst?“
    „Loben wird er mich – dafür, dass ich Verstand bewiesen habe!“
    Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. Wütend. Sprachlos wegen dieser Unverschämtheit.

    Die Diebin, endlich befreit von Justinas festem Griff, machte sich sofort über das warme Brot in ihren Händen her und beobachtete die Szene mit stillem Vergnügen.

    „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ Schwerfällig kam ein älterer Mann auf sie zu, gebeugt von der Last auf seinem Rücken. „Seht zu, dass ihr weiterkommt – ihr haltet alle auf.“

    Leise schimpfend drängte er mit seinem massigen Körper die beiden Streithähne auseinander. Epah presste die Lippen zusammen, griff nach seinem Korb und eilte ihm hinterher.
    „Willst du auch zum Tempel?“, fragte er, eine Hand bereits stützend unter der Kiepe des anderen.

    Justina sah ihm kopfschüttelnd nach. Was für ein Dummkopf Servius’ Bursche doch war! Weit würde er es im Leben nicht bringen, so viel war sicher. Doch da die andere bereits in der Menge verschwunden war, nahm auch sie ihr Bündel wieder auf. Sie musste weiter – Wäsche wusch sich schließlich nicht von allein.

    Später sahen sie sich wieder – Epah und Letitia. Eher zufällig, denn er entdeckte ihren roten Haarschopf in der Menge und folgte ihr instinktiv. Mit wenigen Schritten hatte er sie eingeholt, griff nach ihrer Schulter und hielt sie fest.

    Sie wirbelte herum, zum Kampf bereit, doch dann stutzte sie. „Dich kenn ich doch!“
    Epah schmunzelte. „Du hast mir ja auch gerade erst ein Brot gestohlen.“
    „Lass mich los, du Grobian!“
    „Du bist Letitia. Das Mädchen von damals, stimmt’s?“
    „Und wenn’s so wäre?“ Sie machte ihrem Ruf wirklich alle Ehre. Epah grinste.
    „Kennst du das Thermopolium des Servius? Am westlichen Zugang zur Stadt?“
    „Was sollte mich dahin verschlagen?“
    „Komm vorbei – abends, wenn etwas Ruhe einkehrt.“
    „Und was hab ich davon?“
    „Etwas zu essen im Bauch.“
    Sie kniff die Augen zusammen. „Was erwartest du dafür?“
    „Ein ehrliches Lächeln, als Dank für meinen Herrn.“
    Letitia schnaufte durch die Nase.
    „Ja, ja, ein Lächeln – am besten noch in einem der Hinterzimmer.“
    Epah runzelte die Stirn. Sie boxte ihm vor die Brust.
    „Schämst du dich gar nicht?“
    „Wofür sollte ich mich schämen?“
    „Dafür, dass du durch die Straßen läufst und Mädchen für ihn suchst!“
    „Wir suchen kein Mädchen“, erwiderte er.

    Dann kam ihm ein Gedanke – Hilfe könnten sie wirklich gebrauchen. Für Servius allein wurde die Arbeit im Thermopolium zu viel, seit Epah tagsüber Gelegenheitsjobs auf den Baustellen verrichtete. Nicht, weil er musste, damit sie über die Runden kämen – sondern weil Servius wollte, dass er etwas lernte.

    „Wenn du helfen willst – vielleicht in der Küche … beim Gemüseputzen oder Spülen?“

    Er sah auf. Letitia stand vor ihm, den Kopf leicht zur Seite gekippt, und musterte ihn, als wäre er eins dieser absonderlichen Wandgemälde im Badehaus.

    „Das ist kein Trick?“ In ihren Augen lag unverhohlenes Misstrauen, das so gar nicht zum leicht hoffnungsvollem Klang ihrer Stimme passen wollte.

    „Ich kann dir nichts versprechen … außer einer warmen Mahlzeit. Aber … wenn du dich nützlich machen willst, findet sich vielleicht eine Möglichkeit für mehr.“

    Sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Es klang zu gut, um keinen Haken zu haben.
    „Warum kommst du nicht gleich mit … und ich frage meinen Herrn?“, schlug Epah vor.

    Den Teufel würde sie tun! Und das sah man ihr auch an.

    Epah zuckte mit den Schultern. Wer sich nicht helfen lassen will, dem war auch nicht zu helfen. Er nickte ihr kurz zu, dann setzte er seinen Weg fort.

    Sie folgte ihm. Unbemerkt. Nicht, dass er sich nach ihr umgedreht hätte – aber sie hatte Übung darin, mit den Schatten zu verschmelzen.

    Und in einer der dunklen Ecken stieß sie auf Sabina. Niemand weiß was zwischen den beiden vorging, oder warum sie zusammenblieben, doch ein paar Wochen später tauchten sie Hand in Hand vorm Thermopolium auf. Just in dem Moment, als Epah die Planen vor dem offenen Teil des Thermopoliums anbrachte – ein simpler Regenschutz, der die schweren Holzläden ersetzte, die sie früher verwendeten.

    Epah schmunzelte unwillkürlich. Letitia hatte sich geräuspert, damals. Überdeutlich und viel zu laut. Ein Geräusch, das man im Thermopolium so gut wie nie zu hören bekam. Er warf einen Blick über seine Schulter und stellte trocken, doch merklich überrascht fest: „Du.“
    „Ich“, erwiderte sie, ebenso knapp.

    Ein prüfender Blick von ihm, einer von ihr zurück – wie ein kurzes Abtasten, wer sich zuerst bewegt.
    „Lange her“, murmelte er.
    „Und trotzdem nicht lang genug.“

    Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich dachte, du hättest Besseres zu tun, als dich hier blicken zu lassen.“
    „Habe ich auch. Aber manchmal muss man Opfer bringen.“
    „Und du bist hier, um …?“
    „Sicherzugehen, dass du nicht wieder alles in Schutt und Asche legst.“
    Er grinste: „Das war … ein Mal.“
    „Und es war legendär.“ Letitias Augen funkelten vergnügt.
    „Und wer bist du?“ Er beugte sich vor, um auf Augenhöhe mit dem Kind von neulich zu kommen.
    „Bina.“

    Epah riss die Augen auf: „Bina? Das kleine Bündel von … damals?“
    Sabina nickte und wirkte nicht mehr ganz so schüchtern.
    Er zwinkerte ihr zu. „Will ich wissen, woher ihr euch kennt?“
    Bina öffnete den Mund, doch Letitia kam ihr zuvor: „Nein.“

    Epah richtete sich auf – ein kurzer Blickwechsel mit Letitia –, dann änderte er seine Taktik.
    „Kommt doch erstmal herein. Ihr habt sicherlich Hunger, habe ich recht?“
    Er hatte recht.

    Wie lange ist das nun her? Sechs, sieben Monate – vielleicht auch länger. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Mädchen das Grundstück seitdem nicht mehr verlassen haben. Für einen kurzen Moment spielte ein Lächeln auf seinen Zügen.

    Dann riß ihn das Kläffen eines Straßenköters zurück in die Wirklichkeit, und er setzte seinen Weg fort, um sie nicht länger auf die Folter zu spannen.

    Geändert von Laska (14.08.2025 um 00:58 Uhr)
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  8. #8
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    ~ Herculaneum, im Sommer 72 n. Chr. ~

    Was lange währt, …

    Bina hatte Mühe, ihre Ungeduld zu unterdrücken. Wie lange kann es dauern, etwas geschenkt zu bekommen? Sie wusste es nicht, wünschte sich beinahe auch, es niemals am eigenen Leib zu erfahren. Seit Stunden saßen sie hier nun schon untätig herum – und warteten darauf, dass Epah endlich zurückkam. Sie wagte es nicht mehr, die Straßenkreuzung im Blick zu behalten, denn Letti hatte sie vorhin ermahnt: „Je öfter du hin starrst, desto länger dauert es!“

    Letitia hatte oft recht, darum nahm Sabina sich ihre Worte zu Herzen. Aber es war schwer, stillzusitzen – für ein Kind ihres Alters. Sie gab sich redlich Mühe: die kleinen Hände fest auf ihre Oberschenkel gepresst, um das Zappeln ihrer Beine zu unterdrücken, saß sie da und versuchte, sich einen Reim auf das Gespräch der anderen zu machen. Es gelang ihr nicht.

    Das Gebell eines Hundes riss sie aus ihrer Agonie. Ihr Kopf ruckte hoch – ängstlich, doch statt einer dieser wilden Bestien, mit denen nicht zu spaßen war, wie sie aus leidvoller Erfahrung wusste, erblickte sie Epah. Endlich! Ein spitzer Schrei, schon sprang sie auf und rannte ihm hüpfend entgegen.

    Epah zwinkerte ihr zu, als sich ihre Blicke trafen, und schmunzelte, als sie aufsprang – überzeugt, sie würde direkt in seine Arme fliegen. Sie tat es nicht.

    Doch ihre freudestrahlenden Augen schmolzen umgehend den Kloß in seinem Hals. Er ahnte, wie lang ihr die Zeit geworden war, beugte sich hinunter, um ihre Begrüßung, zwar weniger stürmisch, doch ebenso herzlich, mit einem Kuss auf die Wange zu erwidern – zum ersten Mal.

    Hand in Hand legten sie die kurze Strecke zurück. Bina brannten eine Menge Fragen auf der Seele – den anderen leider auch. Was deren eigene Neugier offenbarte, wie Bina leicht unzufrieden feststellte. Ob deswegen, weil die Großen sich besser zügeln konnten, oder weil Bina über den Nachmittag verteilt mehr als einen Rüffel bekam, lassen wir einmal dahingestellt.

    Nachdem Epah verkündet hatte, welcher Art Servius’ Vermächtnis war, herrschte ein Moment der Stille. Alle Gedanken – nun gut, fast alle Gedanken – weilten bei dem Mann, dem sie so viel zu verdanken hatten.

    Aurelia erinnerte sich an seine Hilfe, damals nach dem Erdbeben. Gemeinsam hatten sie ihren Gatten aus den Trümmern seiner Werkstatt geborgen. Mit Rat und vor allem Tat stand er ihr zur Seite, trommelte einige Fischer zusammen, mit deren Hilfe der Schutt beider Häuser beseitigt wurde. Die zuvor im vorderen Teil des Hauses gelegene Werkstatt ihres Mannes wurde nicht wieder aufgebaut – dasselbe gilt für die ans Thermopolium angrenzende Wand.

    Letti sprach – zwar nicht über den Grund, der sie und Bina ins Thermopolium trieb, aber über ihre Angst, abgewiesen zu werden, und die große Erleichterung, die sie empfanden, als sie nicht nur verköstigt wurden, sondern auch dauerhaft bleiben durften.

    Und Epah? Der nickte die meiste Zeit nur, denn seine Kehle war fest zugeschnürt. Ab und an lächelte er auch – dankbar, weil das Schicksal ihn in Servius’ Hände gegeben hatte. Und weil er stolz war. Stolz auf den Mann, der so viel Gutes in das Leben anderer brachte.

    Inzwischen gehörte der kleine Vorhof fest zu ihrem Alltag. Servius’ Kunden nutzten ihn als Abkürzung, Nachbarskinder zum Spielen. Aurelia stellte bei mildem Wetter ihren Webrahmen draußen auf, half, wenn nötig, Letitia bei der Küchenarbeit, weckte die Liebe fürs Gärtnern in Bina, und abends ließen sie oft zusammen den Tag ausklingen.

    Fast so wie an jenem Tag.



    Da saßen sie bis zum Morgengrauen beieinander – alle, außer Bina, die irgendwann, müde vom Spielen, auf Epahs Schoß eingeschlafen und von ihm ins Bett getragen worden war. Die Zurückgebliebenen ließen Servius immer wieder durch ihre Erinnerungen aufleben, lachten gemeinsam und trösteten sich gegenseitig, wenn nötig. Es brachte sie näher zusammen – das spürten sie.

    Die Gespräche gingen in den nächsten Tagen natürlich weiter. Jeder machte sich so seine Gedanken und hatte eine eigene Meinung dazu, wie es nun weitergehen sollte – allen voran Epah.

    Nun, genau genommen hatte er keinen Plan, nur die feste Absicht, das Thermopolium in altem Glanz auferstehen zu lassen. Das Trapezium, ebenfalls Opfer des Erdbebens, musste unbedingt wieder aufgebaut werden. Servius hatte damals darauf verzichtet und die Speisen direkt aus der Küche heraus verkauft. Für Epah kam das partout nicht infrage. Ein Thermopolium ohne sein Herzstück? Ein Unding, das den Namen nicht verdient!

    Aurelia war zu Tränen gerührt und vergaß darüber, was sie sich vorgestellt hatte. Letitia war insgeheim alles recht, solange es bedeutete, dass sie bleiben konnte – was Epah ungefragt bestätigte, da er vorhatte, sich das für den Wiederaufbau benötigte Wissen selbst anzueignen. Und Sabina? Niemand hat gefragt; sie war zu schüchtern, um von sich aus zu sprechen, und so werden wir wohl nie erfahren, was in ihrem kleinen Köpfchen vorging. Dass sie bleiben durfte, stand unzweifelhaft fest und muss an sich nicht extra erwähnt werden.

    Dasselbe lässt sich von Justina nicht behaupten. Die natürlich bereits bestens informiert war und ein paar Tage später die Wäsche brachte. Leicht ungeduldig lauschte sie auch dieser Variante. Nach ihrer Meinung gefragt wurde sie zwar nicht – das hinderte sie aber nicht daran, ihre Ansichten kundzutun. Die – so scheinbar ad hoc aus dem Ärmel geschüttelt – erstaunlich viel Hand und Fuß hatten. Doch das half ihr wenig.

    Aurelia zog sich als Erste zurück. Auch ihr war Lucius’ Älteste deutlich zu forsch, gemessen an ihrem Alter.

    Laetitia blieb und grinste vergnügt vor sich hin. Zum einen, da sie von Justina als durchaus wichtig eingestuft wurde, damit sein Vorhaben überhaupt gelingen konnte, zum anderen, da sie bei ihm wusste, dass alles zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder herauskam. In diesem Fall durchaus angenehm, denn was Justina vorhatte, klang nach einer Menge Arbeit. Für Letitia.



    Epah nickte zwar treu und brav, blieb jedoch auch nicht bis zum Schluss ihres Vortrags. Dass er in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit musste, bot ihm die passende Ausrede, um zügig die Flucht anzutreten.

    Kurz und gut: Das Leben ging weiter – und zwar in die Richtung, die Epah einschlug. Er arbeitete hart von Sonnenauf- bis -untergang, um seinem Ziel näherzukommen.

    Natürlich kamen auch die restlichen Nachbarn – nicht alle auf einmal, aber peu à peu. Denn auch sie hatten früher oder später von der Erbschaft gehört und wollten sich vergewissern, dass der Jungspund nicht alles auf den Kopf haut. Nicht jeder war beeindruckt, doch das hielt sie nicht davon ab, wieder regelmäßig im Thermopolium einzukehren.

    Letitia, inzwischen als Königin des Fladenbrots bekannt, nutzte dies aus – um ebenfalls etwas zur Haushaltskasse beizutragen.



    Auch das lag an Epah – indirekt, wenn man so will, denn er arbeitete nicht nur unermüdlich als Maurergehilfe, sondern kochte auch jeden Morgen für die Familie vor. Da er sich – zunächst mit Aurelias Hilfe – an Servius’ alten Rezepten orientierte, war es immer viel zu viel. Und es wäre doch wirklich schade, wenn das gute Essen verkommen würde.

    Ihm fiel dies natürlich nicht auf – aber Justina. Und das kam so: Sie rannte ihn eines schönen Tages über den Haufen, als er mal wieder gedankenverloren in der Menge stand und den Verkehr aufhielt. Eine Begebenheit, die sie beide nicht so schnell vergessen werden: er, weil ihm tagelang der Rücken wehtat, sie, weil die frische Wäsche, die sie gerade ausliefern wollte, im hohen Bogen im Dreck landete.

    Selbstverständlich half er ihr beim Einsammeln – was er besser gelassen hätte, denn er machte alles nur noch schlimmer. Bei ihrer Schimpftirade bekam er zwar rote Ohren, kürzte diese jedoch ab, als er wahrnahm, wie erschöpft sie war. Denn dies weckte das Verlangen in ihm, ihr etwas Gutes zu tun.

    Womit er Justina völlig aus der Bahn warf – soll heißen: Sie hielt den Mund und hörte zu.

    Es dauerte ein, zwei Tage, bevor sie das Erlebnis verdaut hatte, dann tauchte sie im Thermopolium auf – das menschenleer war.

    Sie besaß genug Anstand, an die erste Tür zu klopfen, trat jedoch hindurch, als keine Antwort kam. Tastete sich durch den dunklen Flur – und mit etwas gutem Willen kann man das Geräusch, das erklang, als sie mit dem Fuß gegen die nächste Tür stieß, als weiteres Anklopfen durchgehen lassen. Letti, die ihre Pause genoss, fühlte sich zwar gestört – was kaum zu überhören war –, rief jedoch: „Komm her!“

    Justina war – es lässt sich nicht anders beschreiben – schockiert über ihren potenziell neuen Arbeitsplatz. Sie hätte sich denken können, dass dieser Narr nicht in Betracht gezogen hatte, dass eine saubere Umgebung für ihre Tätigkeit unabdingbar ist.

    Es wäre ja auch zu schön gewesen, sich die Rennerei quer durch die Stadt zu ersparen und die Wäsche vor Ort im Thermopolium zu waschen. Insbesondere der städtische Brunnen in der Gasse hätte ihr viel Mühsal erspart.

    Sie war zu enttäuscht, um über ihn zu schimpfen, denn sie hatte sich auf etwas Ruhe und Freizeit gefreut – was ihr erst in dem Moment bewusst wurde, als der Traum platzte.

    Sabina, die im Garten nebenan spielte, hörte die beiden. Sie ist oft und gern dort – er bietet ihr Geborgenheit. Die Aussicht, einen zweiten Rückzugsort zu bekommen, beflügelte nicht nur ihre Gedanken, sondern auch ihre kurzen Beine.

    Ohne viel Federlesen bot sie ihre Hilfe beim Aufräumen an. Justina schien nicht überzeugt – Letitia schon. Denn die Arbeit, die erledigt werden musste, um Epahs Idee umzusetzen, wäre körperlich anstrengend. Etwas, das er nie von ihr oder Sabina verlangen würde.

    Und so war es auch. Die alten Holzverschläge, die kaputten Möbel – alles wurde kleingehauen, um als Feuerholz zu dienen. Das seit dem Beben kaputte Regenbecken wurde instand gesetzt. Die Kleine hielt ihr Versprechen ebenfalls. Fand beim Umgraben allerlei Dinge, die sie fortan wie kleine Schätze hütete. Bunte, glatt geschliffene Glasscherben. Eine Handvoll Holzperlen. Und unzählige Austernschalen, die – sorgfältig geputzt – wunderbar schimmerten. Justina schrubbte sich die Seele aus dem Leib – anders kann man es beim besten Willen nicht ausdrücken. Und Letitia? Sie fügte das Fegen des Hofes in ihre tägliche Routine ein. Seitdem ist zweimal die Woche Waschtag.

    Bina legte mit Aurelias Hilfe einen kleinen Kräutergarten an – und war schlichtweg begeistert. Vor allem von dem neuesten Familienzuwachs, den Epah als Dank von einem Nachbarn bekam – für eine Arbeit, für die er keinen Lohn wollte.



    Stina hätte eine Menge dazu sagen können, schwieg jedoch, da Bina die Hinterlassenschaften des Federviehs gewissenhaft beseitigte – vielleicht auch, weil das sonst so schüchterne Mädchen ungewohnt fröhlich war, wenn sie mit ihnen spielte. So durch und durch glücklich kannte man das Kind bisher nicht.

    Glücklich ist ein gutes Stichwort, denn es traf auf alle Bewohner zu. Nun, fast alle.

    Sabina musste nicht mehr nebenan fragen, ob sie störte – was sie nie tat. Sie kam zwar noch, blieb jedoch nicht lange. Ein Umstand, der Aurelia betrübte, ihr jedoch die Zeit verschaffte, sich häufiger mit ihren Freundinnen zu treffen – gern auch zur Mittagszeit im Thermopolium.

    Letti genoss es, ihre müden Füße im kalten und nun klaren Regenwasser zu erfrischen. Epah gesellte sich abends gern dazu. Sie kamen sich näher; ihr Verhältnis zueinander wurde herzlicher – und inniger.



    ~ * ~
    Geändert von Laska (05.11.2025 um 01:02 Uhr) Grund: Mega-Fehler direkt in der Überschrift. Es ist 72 nicht 75 n. Chr., sorry :(
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    -Vivian Greene-

  9. #9
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    ~ * ~

    Dies alles geschah nicht über Nacht – und manches davon lohnt sich, genauer betrachtet zu werden…



    Die Schatten wurden länger, der Sommer ging allmählich in einen milden Herbst über. Mit dem Wechsel der Jahreszeit änderte sich auch die Kundschaft im Thermopolium.

    Die Reichen verließen die Stadt und mit ihnen ihre Hausangestellten. Bauern füllten nach und nach die Lücke, denn die geschäftigste Zeit des Jahres lag beinahe hinter ihnen. Die Ernten waren eingefahren. Das Getreide wurde nach Pompeji geschafft, um die Speicher zu füllen. Den Rest übernahmen die Händler. Zeit für etwas Müßiggang.

    Zu ihnen gesellten sich vermehrt die Handwerker der Stadt, denn auch auf den Baustellen ruhten die Arbeiten. Für Epah war es die perfekte Zeit, sich des Hinterhofs anzunehmen und dem ein oder anderen Nachbarn zur Hand zu gehen.

    Justina war ihm durchaus dankbar, wenngleich es ihr an der Fähigkeit mangelte, dies angemessen auszudrücken. Epah sah darüber hinweg. Es genügte ihm, dass sie ausgeglichener wirkte und weniger an ihm auszusetzen hatte.

    Ihr Pflichtbewusstsein kam dem seinen recht nahe. Wie belastend das sein kann, wusste er aus Erfahrung. Obwohl er nicht kürzer trat, waren die kleinen Aufträge, die er – mal hier, mal da – ausführte, weniger anstrengend als die Arbeit auf den offiziellen Baustellen der Stadt.

    Nur einmal zog er ihren Unmut auf sich – weniger für etwas, das er tat, als dafür, was er unterließ.

    Justina war mit dem Ergebnis des Gesprächs unzufrieden. Epah nahm ihre Sorge nicht ernst, und das war es wohl, was sie am meisten beunruhigte. An einem anderen Tag, einem an dem sie weniger erschöpft war, hätte sie sicherlich versucht, wenigstens etwas Verstand in seinen Dickschädel zu hämmern, doch an diesem – gab sie Ruhe.

    Warum das Ganze? Nun, auch in dem kleinen Feldlager vor den Toren der Stadt herrschte Langeweile.

    Der Centurio sah das wahrscheinlich anders, doch seine Untergebenen nicht. Sie fanden recht zügig den Weg ins Thermopolium – was eventuell auf Justinas Kappe ging, denn sie hatte an der Stadtmauer einen Werbespruch – nebst Wegbeschreibung – hinterlassen, der den Reisenden mitteilte, ganz in der Nähe sei ein Thermopolium, in dem man sich gut und günstig laben kann.

    Epah wusste ihr Engagement zu schätzen. Er hatte die Zeilen mühsam entziffert und noch nicht vergessen, dass Servius und er die Gürtel während der kalten Jahreszeit enger ziehen mussten, weil die Umsätze stetig zurückgingen.

    Und genau dies war der Grund, ihre Beschwerde nicht ernst zu nehmen. Nicht der alleinige, doch der mit dem meisten Gewicht. Letitia hatte sich zuvor schon – beschwert, wäre vielleicht zu viel gesagt – so oft über das Thema ausgelassen, dass er es leid war.

    Vor allem, da es den Rotschopf nicht davon abhielt, die Soldaten, ebenso wie andere Gäste, in ihrer Kammer zu unterhalten. Um es einmal jugendfrei auszudrücken.



    Kann man es ihnen ankreiden, dass sie bei Justinas Anblick falsche Schlüsse zogen?

    Direkt nach ihrem Preis gefragt zu werden, war sicherlich unangenehm, doch durchaus verständlich. Selbst der Hausherr konnte nicht wegschauen, wenn sie in ihrer Arbeitskleidung – halb durchnässt – seine Wäsche wusch.

    Nun, wie dem auch sei. Nach diesem unfruchtbaren Gespräch erschien Justina – zum Bedauern aller männlichen Gäste – nie wieder unangemessen gekleidet.

    Wenn sie doch nur nicht so erschöpft gewesen wäre! Allein bei dem Gedanken, dass ihr die Kraft fehlte, wenigstens etwas Verstand in seinen Schädel zu hämmern, begann ihr Blut zu brodeln. Die Wäsche, die sie an dem Tag wusch, würde, wenn sie könnte, ein Lied davon singen.

    Sie hatte die alten Tuniken gebleicht, die Epah als Jugendlicher trug und die Letti nun aufschleppen musste, bis der Stoff fast durchsichtig wurde. Im Gegensatz zu denen, die Epah trug, gelang ihr Vorhaben auch: Sie erstrahlten in beinahe perfektem Weiß. Bei seinen war Hopfen und Malz verloren. Was auch immer es war, sie bekam weder die Flecken raus, noch trat die ursprüngliche Farbe wieder zutage.

    Letitias spitze Zunge allein hätte ausgereicht, um dem Kerl neulich begreiflich zu machen, dass man sich mit Justina besser nicht anlegt.

    Ihr gelang es im Handumdrehen, das anzügliche Grinsen von seinem Gesicht zu wischen: „Einen Preis willst du? Für sie? Da musst du ihren Vater fragen. Er handelt allerdings mit schönen Stoffen – nicht mit seinen Töchtern!“

    Justina wusste, Letti griff nur ein, da sie selbst zögerte. Sie fröstelte beinahe, als sie abwägte, wie sie vorgehen sollte. Reagieren heißt provozieren. Schweigen bedeutet Zustimmung. Ihre Antwort musste sitzen. Richtig.

    Die kleine Spottdrossel hatte es vermieden, Namen zu nennen – wofür Justina ihr dankbar war. Doch sie wollte sicherstellen, dass dieser Flegel keinen weiteren Gedanken an sie oder ihre Schwestern verschwendete.

    Ihr Entschluss war gewagt. Sie nahm das Risiko bewusst in Kauf, denn mit einem Händler im Forum würde dieser Möchtegern-Krieger wohl keinen Ärger wollen.

    „Stimmt“, nickte sie ihrer Freundin zu, bevor sie ihr Gegenüber ins Visier nahm. „Käuflich bin ich nicht. Nur buchbar. Frag deinen Kommandanten, ich wasche auch seine schmutzige Wäsche, er wird dir bestimmt bestätigen, dass Lucius Varenius penibel Buch darüber führt, für wen seine Tochter tätig wird.“



    Kühl und selbstbewusst vorgetragen, vermittelte es eine Sicherheit, die sie selbst nicht fühlte. Denn das Verhältnis zu ihrem Vater war nicht das Beste.

    Justina war die älteste von vier Töchtern und seine größte Enttäuschung. Dass er sich einen Sohn wünschte, der Stoffhandel und Wäscherei übernehmen und weiterführen könnte, war verständlich. Seine Enttäuschung darüber, dass es bisher nicht geklappt hatte, ebenso.

    Die Versuche seiner Erstgeborenen, ihm den Sohn zu ersetzen, blieben unbemerkt – waren jedoch der Grund für ihr forsches Auftreten. Dafür, dass sie so hektisch war und ungehalten reagierte, wenn ihr jemand im Wege stand. Wie sehr sie sich auch bemühte, ob sie etwas tat oder nicht - es war nie genug.

    Was ihr, im Gegensatz zu ihrem Vater, völlig entging, war, dass ebendieses Verhalten potenzielle Heiratskandidaten fernhielt. Was seinen Unmut über sie tagtäglich schürte, ebenso wie ihren Ehrgeiz, sich zu beweisen. Ein Teufelskreis sondergleichen.

    In einer anderen Zeit hätte sie vielleicht die Chance, das zu sein, was alle haben wollen – wenn sie es ihr gestatten würden.

    Nun ist es nicht so, dass Epah das Gespräch mit Justina augenblicklich wieder vergaß. Er kam nur recht zügig zu dem Schluss, so schlimm wäre das alles nicht. Die Legionäre waren zwar oft die letzten Gäste, spielten um hohe Summen, stritten sich und tranken viel, doch Ärger gab es mit ihnen nie.

    Das sollte sich wenige Wochen später ändern. Epah bekam davon weder etwas mit, noch setzten die Frauen ihn darüber in Kenntnis.



    Es war an einem milden Abend im Oktober, als Justina eine Entdeckung machte, die sie erneut in Aufruhr versetzte.

    Die Sonne war bereits untergegangen, das letzte Licht lag bleiern über der Straße. Sie war spät dran und hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Zum einen, da sie im Garten ein wenig die Zeit vergessen hatte, zum anderen, da es ihrem Vater ein Dorn im Auge war, dass sie die Wäsche dieser beiden Haushalte nicht wie früher zuhause in der Wäscherei wusch.

    Wodurch ihre Mutter sich genötigt sah, den Preis für Epah und Aurelia herabzusetzen. Sich an solch einem Tag zu verspäten, würde dem Fass gewiß die Krone aufsetzen.

    Beinahe wäre sie an der Kleinen vorbeigehastet, blieb jedoch abrupt stehen, als ihr aufging, warum sie sich versteckte.

    „Sie sind nur laut und ungehobelt.“ Von außen wirkte es, als würde sie mit dem Gemüse sprechen.
    „Sie sind grässlich und gemein!“

    Ein heftiger Ausbruch, der so gar nicht zu dem schüchternen Mädchen passen wollte. Justina streckte den Arm nach ihr aus: „Komm, ich bringe dich nach oben.“

    Bina schüttelte den Kopf, doch als Justina ihre Hand nahm, ihr von der Kiste half und dafür sorgte, dass es so aussah, als wären sie zusammen aus dem Garten gekommen – da ließ sie es geschehen.

    Weiterhin darauf bedacht, sich möglichst unauffällig zu verhalten, schob sie Bina Richtung Treppe und schimpfte – laut genug, dass jeder es hören konnte – darüber, dass sie längst im Bett sein sollte. Sie traf den belehrenden Ton einer Schwester perfekt. Oben angekommen entschuldigte sie sich dafür, erklärte Bina jedoch nicht den wahren Grund für ihr Verhalten, um sie nicht zusätzlich zu beunruhigen.

    Wenn sie sich doch nur ein wenig mehr Zeit genommen hätte. Ein paar Minuten nur, um herauszufinden, wo Binas Angst herrührt. Wobei es fraglich ist, ob sie sich Stina anvertraut hätte. Letti? Ja, bestimmt. Ein kurzer Augenblick, um ihr einen Tipp zu geben, hätte völlig ausgereicht und den Zorn ihres Vaters nicht verschärft. Aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer.



    Sabinas Mutter war Küchenhilfe in einem der zahlreichen Bordelle der Stadt. Wusch die Laken, brachte das Essen, machte die Betten – alles, was so anfiel. Sie war ebensowenig hässlich wie ihr kleines Ebenbild und blieb von Übergriffen nicht verschont. Ihre Tochter ist der lebende Beweis dafür, wuchs in diesem Milieu auf und bekam mehr mit, als ihr guttat.

    Trunkenheit. Gewaltausbrüche. Lüsterne Blicke, die nicht einmal vor ihr Halt machten.

    Am Tag des Erdbebens flohen die Frauen gemeinsam. Die Gruppe wurde getrennt, denn Schritt halten mit einem Kleinkind auf dem Arm war unmöglich. Epah fand sie. Livia, deren Stimme er damals hörte, leider nicht. So kam es, dass Bina später allein zurückkehrte. Die Frauen kümmerten sich, so gut es eben ging. Doch oft waren die Kinder sich selbst überlassen.

    An jenem Abend, als sie von Stina ins Bett gestopft wurde, erkannte sie einen von ihnen wieder. Er war der Schlimmste. Seine Stimme würde sie nie vergessen. Vor ihm war sie geflohen, am Tag, als Letti Epah das Brot klaute. Ein glücklicher Tag für das Kind. Letitia – selbst in den Straßen aufgewachsen – stellte keine Fragen, sie wusste die Antworten auch so. Sie schlugen sich durch, doch als es kälter wurde, gab es nur einen Ausweg für die beiden: das Thermopolium, des Servius.

    Eine Woche später war es Letti, die Bina zu Bett brachte. Als sie zurückkam, traf ihr besorgter Blick den Epahs – ein kurzer Moment nur, doch er verstand. Ohne zu fragen ging er nach oben.

    Bina saß kerzengerade im Bett, die Hände auf die Ohren gepresst. Als er sich neben sie setzte, zuckte sie kurz, erkannte ihn dann – und klammerte sich an ihn. Er strich ihr beruhigend über den Rücken, wartete, bis ihr Atem wieder ruhiger ging – und blieb, bis sie eingeschlafen war.

    Denn unten, im Schankraum, saßen wieder vier am Tisch.



    Es war selten, dass ein Offizier mit einfachen Legionären trank. Noch seltener, dass er es in aller Öffentlichkeit tat.

    Locker saß er mit ihnen am Tisch, als gehörte er dorthin – den Becher in der Hand, die Haltung entspannt, mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. Seine Männer redeten laut, lachten, stießen miteinander an, doch keiner wagte ihn wirklich anzusehen.

    Justina bemerkte das sofort. Dieses falsche Gleichgewicht. Diese Art, wie sie alle auf ein kaum merkliches Nicken von ihm warteten, ehe sie lachten.

    „Merkwürdig“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu Letti.
    „Was denn?“
    „Dass ein Offizier mit seinen Leuten säuft.“
    Letitia zuckte mit den Schultern, während sie den nächsten Krug füllte. „Wenn sie zahlen, sollen sie sitzen, wo sie wollen.“
    Justina nickte, doch der Gedanke ließ sie nicht los. Etwas an diesem Tisch war zu vertraut. Vertraut – und doch kein bisschen freundschaftlich.
    „Bina hat Angst vor ihnen“, ließ sie ihre Freundin wissen.
    „Angst? Die tun doch keiner Fliege was.“

    Stellte sie sich dumm, oder hatte sie wirklich keine Ahnung?

    Justina tippte auf Letzteres. Erzählte ihr, wo sie Bina letzte Woche gefunden hatte, wie verschreckt die Kleine war und erklärte ihr, warum es so ungewöhnlich war, dass ein Offizier mit seinen Untergebenen zusammen trank.

    Letitia zählte eins und eins zusammen und vertraute sich Epah an. Nicht vollständig, das hatte sie Bina versprochen, aber nachdrücklich genug, damit ihm bewusst wurde, in welcher Gefahr sie schwebten.

    Er wiegelte erneut ab. Zum einen, da der Umsatz, den die Truppe machte, ihnen über den Winter helfen würde, zum anderen, weil es Letti nicht davon abhielt, auch diese Männer in den Genuss ihrer Gunst kommen zu lassen.

    Laetitia nahm sein Schulterzucken hin. Sagte ihm nicht, dass sie – eine Meretrix – in ein, zwei Stunden mehr verdiente als er – oder einer der Legionäre – an einem Tag. Und auch nicht, dass ein Teil ihres Nebenverdienstes die Kasse des Thermopoliums aufpolsterte – wenn es nötig war.

    Als Justina davon erfuhr, passierten zwei Dinge gleichzeitig. Sie war geschockt und lernte dennoch etwas dazu. An sich hätte es ihr schon früher auffallen können. Bei dem Frühstück, einige Wochen zuvor.

    Sie war bereits beim Morgengrauen im Thermopolium erschienen, damit sie ihrer Mutter am Abend bei einem größeren Auftrag zur Hand gehen konnte – die Zeltplanen des Feldlagers mussten gereinigt und frisch gewachst werden. Bina und Letti saßen plaudernd am Tisch. Beide gewohnt munter. Epah stand – wie üblich – halb verschlafen in der Küche am Herd.

    Justina setzte sich, lächelte, da Bina gerade von ihrem eigenen Garten schwärmte, der im nächsten Frühjahr gewiss prächtig gedeihen würde. Auch Letti lauschte gutmütig. Wandte sich dann jedoch an Stina: „Und, wie sehen Träume aus?“
    Lange überlegen musste sie nicht: „Weniger schleppen, weniger wringen.“ Letti warf den Kopf zurück und lachte aus vollem Hals.



    Das ließ Epah aufschauen. Sein Blick glitt über Lettis geschmeidigen Körper – und lingerte einen Herzschlag zu lang.
    „Und wovon träumst du?“, fragte Justina ihn, eine Spur zu bissig.
    Seine Antwort kam prompt und passend: „Von meinem nächsten Besuch in ihrer Kammer.“

    Bina senkte den Blick. Justina stuzte. Letti drehte sich halb zu ihm um und schnurrte: „Denare, Denare, deine sind mir die liebsten.“
    Er zwinkerte ihr zu und erwiderte: „Du könntest ja mal darauf verzichten.“
    „Träum weiter!“

    Epah verzog das Gesicht, als hätte er nichts anderes erwartet – warf ihr jedoch eine Kusshand zu. Sie fischte den Kuss aus der Luft, um ihn spielerisch zu ihm zurückzupusten.

    Justina blinzelte – verwirrt, dann beugte sie sich neugierig vor, damit Sabina die Frage, die sie stellen wollte, nicht hören würde. Doch Epah kam ihr zuvor: „Hey, Sonnenschein, hilfst du mir kurz?“

    Wusste er, was in ihrem Kopf vor sich ging? Wir werden es wohl nie erfahren.

    „Ihr seid kein Paar?“ Geflüstert, obwohl Bina längst aufgesprungen und im Flur verschwunden war. Letti schüttelte den Kopf, dann grinste sie verschmitzt: „Nicht im klassischen Sinne.“ Sie sah die Überraschung auf dem Gesicht der Freundin. Senkte den Blick und fügte deutlich leiser hinzu: „Er ist nett und … vorsichtig. Hat keine Sonderwünsche oder … Ähnliches.“ Mit einem solchen Geständnis hatte Stina nicht gerechnet. Biss sich jedoch auf die Zunge und nickte wissend.

    Sie war nicht dumm. Hatte Augen und Ohren im Kopf und wusste, was in der Stadt vor sich ging. Außerdem hatte sie mehr als einmal ein eindeutiges Zeichen von den Außenwänden des Hauses geschrubbt. Irgendwann tauchten keine neuen Schmierereien mehr auf. Nicht wegen ihrer Bemühungen, sondern weil sich herumsprach, dass bei Epah – am westlichen Zugang zur Stadt – mehr geboten wurde als nur gutes Essen.



    Er war einer der letzten, dem gewahr wurde, was vor sich ging. Begeistert war er nicht, doch auch ihm war mittlerweile klar, was die Wandgemälde in den Badehäusern darstellen und warum das kleine Herculaneum als Sommerfrische so beliebt war.

    Stina lehnte sich zurück und kam zu dem Schluss: Er sei zwar etwas spät dran, doch es war kein Wunder, dass der Bengel erste Erfahrungen sammelte. Und bei Letti war er in sicheren Händen. Ihn zu übervorteilen, würde bedeuten, sich ins eigene Fleisch zu schneiden.

    Vom Vorwurf, ihr Leno zu sein, sprach sie ihn umgehend frei. Epah unterband es zwar nicht – ob Letitia es sich verbieten lassen würde, ist fraglich –, förderte oder forderte es jedoch auch nicht. Darüber hinaus hatte er keine Ahnung, dass ein Teil ihres Einkommens in die gemeinsame Haushaltskasse floss, was die Drei angenehm über den Winter brachte und – mit etwas gutem Willen – als Rabatt angesehen werden konnte.

    Etliche Monate später kam heraus, dass Justinas Vater derselben Ansicht war wie sie. Ein denkwürdiger Moment. Wert, ihn für die Ewigkeit festzuhalten.

    Die Wachsamkeit Justinas und Letitias ließ in den nächsten Wochen nach. Sabina war zwar noch auf der Hut und mied es, allzu oft im Thermopolium in Erscheinung zu treten, doch auch sie wurde ruhiger, denn es blieb bei dem zweimaligen Auftauchen von ihm.

    Rein zufällig.

    ~ ** ~
    Geändert von Laska (05.11.2025 um 01:18 Uhr)
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    -Vivian Greene-

 

 

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